Studierendenleben
29.08.2022
2022, ein weiteres Corona-Jahr. Und mit ihm weitere zwölf Monate voller Quarantäne-Angst, Isolierung und fehlenden Aktivitäten, die der Bevölkerung Freude bereiten. Der Zeitraum seit Herbst 2019 scheint sich wie Kaugummi zwischen zwei Polen zu ziehen, wobei wir nach der Angst vor einer erneuten Welle kaum Zeit zum Regenerieren hatten. Essengehen mit Freund:innen? Verboten. Einkaufen ohne Bedacht auf Sicherheit? Nicht möglich. Die Zahl an Aspekten, auf die zu achten war, häufte sich, wobei eine regelrechte Wucht an Emotionen aus nur einer Ursache zu resultieren scheint: Verzicht.
Wo wir gerade bei der scheinbar grundlegend negativ konnotierten Symptomatik des bewussten Verzichts auf alles, das Spaß macht, angelangt sind, werfen wir doch ein weiteres Schlagwort in den Ring: pflanzliche Ernährung. Eine globale Pandemie mit einem so spatenbehafteten Thema wie menschlicher Ernährung parallelisieren? Ja, richtig gelesen – denn für viele ist es genau das, was sie vor ihrem geistigen Auge sehen, wenn sie sich vorstellen, ein Leben ohne sämtliche tierische Erzeugnisse zu verbringen: Keine Restaurantbesuche mit Freund:innen. Keine Kochabende, kein leckeres Steak mehr auf dem Grill am Badesee. Oder für viele kurzum: der eiskalte Entzug.
Dass es bei vegetarischer oder veganer Ernährungsweise jedoch um viel mehr geht als reine Einschränkung in die eigene Lebensweise, scheinen sich anfangs kritisch positionierende Omnivore aktuell mit stetig wachsender Zahl zu erfassen. Allein in Deutschland haben sich mittlerweile 2,6 Millionen Menschen, damit 3,2 Prozent der Bevölkerung, für den veganen, rund 3,6 Millionen für den vegetarischen Lebensstil entschieden, so die Veganz Ernährungsstudie 2020. Und klar: Kochen, Kaufen und Konsumieren sollte Verbraucher:innen in Ernährungssachen gewisse Freude bereiten. Allerdings wirft dieses gesellschaftliche Statement die Frage auf, ob der Spaß nicht spätestens dort in seine Schranken gewiesen werden sollte, wo andere zu schaden kommen. Schließlich ist dies doch auch so oder so ähnlich im Grundgesetz niedergeschrieben?
Vermutlich ist logisch, dass wir von einem globalen, gänzlich generationsübergreifenden Konsens ähnlich weit entfernt sind wie von der Kolonisierung des Planeten Mars. Jedoch können moderate Dissonanzen auch dabei helfen, neue Wege entstehen zu lassen und Raum für gesellschaftlichen Austausch schaffen. Genau darum soll es in diesem Artikel gehen: dem Mut zur Veränderung und zum Finden eines individuellen Lebensstils, welcher frei und unbeeinflusst von Vorurteilen oder anderweitigen Faktoren ist.
Es ist 07:58 Uhr, während sich an der Theke zur Bäckerei eine Schlange bildet, welche sich mit höchster Sicherheit zweimal um den Hausumriss hätte wickeln können. Der Duft von frischen Brötchen steht in der Luft, schweißnasse Körper drängen sich durch die Gassen, denn: wir Deutschen sind stets pünktlich, auch bei Ladenbeginn. Währenddessen schwenkt die Kamera auf den Opel Corsa der Bäckerei-Verkäuferin, der mit einem Vorderreifen schief gekippt auf der Straße steht, während das Heck des Kleinwagens liebevoll die nächstgelegene Mülltonne ausbeult. Doch das ist kaum verwunderlich, schließlich können Frauen generell nicht Autofahren. Erstrecht nicht Einparken. Und wo wir gerade einmal beim Thema unangebrachte Klischees angelangt sind, lenken wir doch den Fokus einmal auf unsere Veganer:innen und Vegetarier:innen.
Wählen grün, sind untrainiert aufgrund von Proteinmangel und essen mit großem Appetit dem Essen anderer das Essen weg – so stellen sich viele die vollzeit-veganen Hippies vor, die mit Weltveränderungswahn auf die Barrikaden gehen und in ihrer Freizeit zu gern Bäume umarmen. Im Anschluss düsen sie in Secondhand-Kartoffelsäcke gehüllt auf ihrem Klappfahrrad in Richtung Unverpackt-Laden, um sich ihre Ersatzprodukte aus handgefertigtem Seitan zu besorgen. Apropos Ersatzprodukte – Schuld daran, dass die Regenwälder Südamerikas systematisch dem Erdboden gleichgemacht werden, sind sie selbstredend auch. Und noch dazu das: Veganismus und Vegetarismus sind aktuell der neueste Schrei, sodass sich Lebensphilosophie der schein-alternativen Gutmenschen letztendlich doch nur auf eins zu berufen scheint: eine bloße Trenderscheinung.
So oder so ähnlich war und ist es oftmals nach wie vor Gang und Gebe, neuartige Ernährungsweisen zu verteufeln. Alles, das der Oldschool-Devise a la So war es schon immer widerspricht, wird zunächst abgetan, verurteilt und in die Ecke des Alternierenden verbannt. Seien es das Weihnachtsessen, Geburtstage oder anderweitige Feste, bei denen die werte Familie oder Freund:innen aufeinandertreffen: wie aussätzige Aliens müssen wir nach wie vor anhören, weshalb wir Menschen „von Natur aus Carnivore“ sind, Kühe bei Milchproduktion „ja nicht sterben“ oder „jeden Tag Salat zu essen“ ja auch nicht das Wahre sei. Auch sind wir keine Pflanzenliebhaber:innen oder Ökos, die meinen, der Welt ihre Lebensweise aufdrängen zu müssen.
Genug in der Gerüchteküche gerührt, ist den meisten von uns vermutlich bewusst, dass pflanzliche Ernährung weitaus mehr kann als nur blinder Verzicht und Rebellion gegen Tradition und Konservativismus. Es ist eine Lebenseinstellung, die aktuell stetig mehr Personen teilen und für sich als am passendsten deklarieren. Häufig ist sogar bereist von einem „Wertewandel“ die Rede, welcher unsere rezente Ernährungskultur prospektiv ändern und ein Umdenken in den Köpfen der Menschen anregen kann.
Adieu, Wiener Schnitzel, Rumpsteak und Co.: wer sich vegetarisch ernährt, verzichtet gänzlich auf tierische Produkte wie Fleisch und Fisch. Einige meiden auch Gelatine und tierisches Lab, welches aus den in Labmagen von toten Wiederkäuern enthaltenen Enzymen Pepsin und Chymosin gewonnen wird. Zurückführen lässt sich die Ernährungsweise bis vor circa 2500 Jahre auf den klassischen Philosophen Pythagoras, der bereits postulierte: "Alles, was der Mensch den Tieren antut, kommt auf den Menschen zurück." Vegetare bedeutet übrigens aus dem Lateinischen übersetzt so viel wie „beleben“.
Während sich Vegetarismus primär auf das Essverhalten beruft, beschreibt der Veganismus den gesamten tierlosen Lifestyle. Darunter fallen auch Kleidung oder Schuhe, Kosmetik- sowie Reinigungsprodukte, die tierische Inhaltsstoffe enthalten. Gegen Ausbeutung von Tieren lehnen viele Veganer:innen auch den Besuch von Zoos, Zirkussen oder Reitställe zu Unterhaltungszwecken ab. Die sogenannte Vegan Society ist gegensätzlich zum Vegetarismus noch in ihren Kinderschuhen und nahm erst 1944 mit Donald Watson als Begriffsvater ihre Anfänge.
“Ich glaube, dass geistiger Fortschritt an einem gewissen Punkt von uns verlangt, dass wir aufhören, unsere Mitlebewesen zur Befriedigung unserer körperlichen Verlangen zu töten.”
Wie der indische Rechtsanwalt und Publizist Mahatma Gandhi betont, ist pflanzliche Ernährung mit gesellschaftlichem Fortschritt verbunden. Die zahlreichen Vorteile erkennen stetig mehr Personen, deren Kernpunkte folgende sind:
Werfen wir einen Blick in aktuelle Supermärkte, so wird vermutlich selbst vehementesten Fleischliebhaber:innen eine Tatsache auffallen: Die Fleischersatzprodukte boomen. Kühlregal an Kühlregal reihen sich Döner“fleisch“, Schnitzel und Co. aus Soja, Tofu oder anderweitigen Attrappen, wobei ihr Anteil neben den tierischen Äquivalenten expandiert. Viele Vegetarier:innen oder Veganer:innen sind schließlich nicht aus geschmacklichen Gründen auf diese umgestiegen, sodass Ersatzprodukte dabei helfen, auf nichts verzichten zu müssen. Gemäß der Pressemitteilung Nr. N 033 des Statistischen Bundesamts vom 14. Mai 2021 stieg die Produktion von Fleischersatzprodukten 2020 von 60,4 ein Jahr später auf 83,7 Tausend Tonnen an.
Auch im Fleischkonsum verzeichnen sich Rückgänge: 2021 ist die Nettoerzeugung gegensätzlich zum Vorgängerjahr um 2,4 Prozent gesunken, so die Fleischbilanz des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft. Auch das Außenhandelsvolumen lebender Tiere nahm ab, sodass insgesamt etwa 5,3 Prozent weniger Fleischwaren exportiert wurden. Ein großer Erfolg für Tier- und Umweltschützer:innen?
Aktuelle Tendenzen laufen stetig mehr in Richtung fleischloser Alternativen: „Es ist Ausdruck eines modernen Lifestyles, sich pflanzlich, gesund und klimaschonend zu ernähren“, konstatiert Fabio Ziemßen, Vorsitzender des Verbands Alternativer Proteinquellen Balpro, im Handelsblatt. Je mehr Personen vegetarisch oder vegan werden, desto höher wird logischerweise auch die Nachfrage in diesem Segment. „Das, was gerade international passiert, ist der Wahnsinn, die Börsengänge, die vielen Start-ups. Die großen multinationalen Konzerne, die kleinen Start-ups und Mittelständler wie wir greifen alle auf dieselben Märkte zu“, weiß auch Michael Hähnel, Chef der Rügenwalder Mühle, im Interview mit dem Tagesspiegel. Immer mehr Hersteller:innen springen auf den Trendzug auf und agieren am Zahn der Zeit. Die Folge: „Der Wettbewerb nimmt zu.“
Alles auf dieser Welt besitzt zwei Seiten; damit die positiven überwiegen, ist es ratsam, sich mit möglichen Risiken auseinanderzusetzen, um überwiegend von auftretenden Vorteilen zu profitieren. Für eine pflanzliche Ernährung sind dies mitunter Folgende:
Schlussendlich wird meist jede Debatte, auch bei hitzigen Themen wie Klima und Tierwohl, nicht so heiß gegessen wie gekocht. Der Trend geht ganz klar in Richtung „Generation fleischlos“, jedoch werden wir die carnivore Ernährung in naher Zukunft noch nicht ad acta legen können. Von einer Randerscheinung sind fleischlose Ernährungsformen längst zu einer Bewegung mutiert, die stetig mehr Personen überzeugen kann.
Selbstverständlich ist es jedem selbst überlassen, welche Ernährungsweise er oder sie für den eigenen Lifestyle bevorzugt. Elementar ist, dass Chancen sowie Risiken abgewogen werden und dass die Entscheidung eigenständig getroffen wird. Hast du dich dein Leben lang fleischbasiert ernährt und möchtest nun vegan oder vegetarisch werden, so solltest du peu à peu versuchen, deinen tierischen Konsum zu reduzieren. Jeder kleine Schritt in Richtung einer ausgewogenen, tier- und umweltfreundlicheren Ernährungsweise hilft dabei, die Welt nachhaltig zu einem besseren Ort werden zu lassen.
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